Eines Nachts in Dornberg....

Der Junge lauschte angestrengt in die Nacht. Das gleichmäßige Atmen seines Herrn ließ ihn genug Mut fassen, die Decke Zoll für Zoll anzuheben, um schließlich mit der Sanftheit von Katzenpfoten zur Tür zu schleichen. Die Tür, die beherrschte er meisterlich. Ohne einen Laut zog der Junge sie auf, und huschte in den Gang hinaus.
An der Treppe zum Hof ducken. Eins werden mit den Schatten in der kleinen Nische. Draußen war nur der Schritt der Hofwache zu hören, die gleichmäßig ihre Runde zog.
Der Junge drückte sich an der Mauer entlang, und lief eilig mit tief vorgeneigtem Oberkörper bis zum Tor des Haupthauses. Dort war der schwierigste Teil zu meistern. Man mußte mit einem Klimmzug auf das Sims neben dem rechten Torflügel klettern, und dann ein halbes Stockwerk an der fast glatten Mauer nach oben. Fast glatt. Wenn man sich nur an Finger- und Zehenspitzen festhielt, gelangte man in den Fensterbogen der großen Halle.
Ruhig atmen, Bou, sprach der Junge zu sich selbst. Erst den Stand prüfen, dann weiter mit den Händen. So kletterte die dünne Gestalt zwar etwas wackelig, aber tapfer hinauf, schlüpfte durch das offene Fenster und kroch in die Halle hinein.

Schwer atmend legte sich der Junge auf den Boden. Das blanke Holz roch angenehm nach Fichtenaufguß, mit dem die Magd nach dem Abendessen die Halle wischte. Jetzt durfte ihm kein Fehler mehr passieren. Niemand durfte außerhalb der Mahlzeiten in die Speis`. Niemand. Nicht Gildred, nicht Vengard, kein Keiler – Niemand.
Aber Bou würde geschickt sein. Nicht gierig. Von allem ein bißchen, dass es aussah wie Ratten oder Mäuse. Und vom guten Pflaumenmus.
Der Junge kroch auf allen vieren quer durch die Halle, und nach der Türe richtete er sich auf. Leise, Leise auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Über den großen Gang, hinter dem losen Stein der Schlüssel zum Keller.
Der kalte Stein der Treppe tat fast weh, aber was sind schon kalte Füße gegen einmal so richtig satt werden?
Endlich zerrte der Junge die Drahtgeflechttür beiseite, und betrat den geheiligten Boden. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Ziemlich dunkel, da drin. Da – ein Schatten! Nein, nur der Speckschrank.
Nachdem sich die Augen vollends an die Dunkelheit gewöhnt hatten, setzte sich der Bou auf die Mehltruhe, und säbelte kleine Scheibchen von der Hartwurst, die von der Decke hing. So gut!
Eine Semmel war übriggeblieben, nicht für lange. Ziegenkäse, Honigkuchen, Schinken und getrocknete Apfelringe fanden schnell ihren Weg in den tiefen Abgrund von Bou`s Magen.
Schließlich zog der Junge, mittlerweile mit einem sichtlich zufriedenem Grinsen, den Hornlöffel aus der verborgenen Tasche seines Nachthemdes.
Pflaumenmus, sprich dein letztes Gebet, flüsterte er zu dem großen Tontopf in der Ecke.
„Das solltest du auch!“ Die strenge Stimme zerschnitt die Luft.
Bou schnappte nach Luft. Der Löffel fiel klappernd zu Boden.
Instinktiv ließ sich der Junge auf die Knie fallen und hob schützend die Hände vor sein Gesicht. Er hatte die Stimme nicht erkannt, aber wer anders konnte es sein als Leutnant Silberwolf?
Doch nichts weiter geschah. Zitternd richtete er sich wieder auf, um sich umzusehen.
Die Ohrfeige traf ihn völlig unerwartet. Die Wucht rieß ihn nach hinten um, daß er polternd über die Mehlkiste fiel. Da riß ihn der Mann schon wieder hoch, und kniff ihn unsanft ins Ohr.
„Seit wann ist das Essen von Kolchis so schlecht, daß du Nachts stehlen mußt?“ herrschte ihn Vengard an. Jetzt hatte er ihn erkannt. „Antworte mir, sonst setzt es `was!“ Vengard war leiser geworden. Doch sein Ton machte dem Jungen Angst. „Bitte verrate mich nicht! Ich hab`doch bloß Hunger. Mehr als du dir vorstellen kannst!“ flehte Bou.
„Ich weiß was dir droht, wenn ich Silberwolf von deinen nächtlichen Abenteuern erzähle! Doch ich will noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen.“ Vengard lehnte sich gegen den Speckschrank, und holte ein angebissenes, geräuchertes Hühnchen hervor. Genüßlich aß er ein paar Bissen.
„Weißt du, Bou, ich bin nämlich auch sehr hungrig.“
Ein Stein fiel vom Herzen des Jungen. Bou`s Gesicht bekam wieder etwas Farbe, und er hob den Löffel vom Boden auf.
Plötzlich schoß Vengards Arm vor, und hielt das Handgelenk des Jungen fest.
„Aber – schenken werde ich dir deine Strafe nicht. Kennst du das alte Pferd von Dr. Voklar, den Fuchs?“ Bou antwortete zögerlich. „Ja. Ich glaub`schon..“
„Den wirst du morgen auf Hochglanz bringen. Ich muß ihn für den Doktor verkaufen. Sattelzeug gehört natürlich dazu. Und denk dran: Kein Wort über unser kleines Mitternachtsmahl hier! So eine Ehrenwache geht schnell vorüber. Aber ich möchte nur ungern sehen, wie Silberwolf dich in die Mangel nimmt.
Und jetzt geh`.“
Bou konnte nur eilig nicken. Dann war er auch schon `raus, die Treppe hinauf und im großen Gang. Rasch war er im Hof, und in der Eile ging er durch die Haupttür statt durchs Fenster. Wie befreit rannte der Junge ins Nebenhaus in sein Zimmer.
Abrupt blieb der Bou stehen. Leutnant Silberwolf saß am Tisch, vor sich eine brennende Kerze und die Übungswaffen.
Nacht umfing den Bou. Seine Knie wurden weich, und der kalte Schweiß perlte auf seiner Stirn. Was sag` ich jetzt? Was sag`ich bloß? Ein dicker Kloß saß im Hals des Jungen, drohte ihn zu ersticken.

 

 
     
 
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der Bou